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Zur Einführung
Vor einigen Jahren habe Ich mit den “Briefen an meine Vorgänger“ meine Ausflüge in die Geschichte von Oberpleis begonnen. Das Buch des Kardinals Albino Luciani, des späteren Papstes Johannes Paul I., “lllusttissimi” hatte mich dazu angeregt. Es ging mir nicht so sehr darum, Geschichtswissen weiterzugeben, als vielmehr im Licht der Vergangenheit unser Leben mit anderen Augen zu sehen. Im Laufe der Jahre ist auch die frühe Geschichte unseres Ortes mehr in meinen Blick geraten: Ich mußte erkennen, daß sie von weit größerer Bedeutung ist, als mir zunächst bewußt war. So kam ich zu dem Versuch, eine neue Serie von Briefen zu schreiben, die sich an Menschen dieser Zeit richten. Und wer weiß, -wir glauben ja an die Gemeinschaff der Heiligen - vielleicht erreichen sie sogar auf Wegen, die wir nicht kennen, ihre Adressaten in Gottes neuer Weit. Auf jeden Fall aber könnten sie einige von uns zum Nachdenken bringen. Ich mußte bald erkennen, daß wir nur sehr bruchstückhafte Nachrichten aus jener frühen ,Zeit haben, viele Fragen bleiben offen. Diese Bruchstücke lassen sich nicht zu einem klaren Bild zusammenfügen. So mußte ich hier und da die Phantasie zur Hilfe nehmen, um die Vergangenheit ein wenig anschaulich zu machen. Ich hoffe, daß niemand die strenge Meßlatte der Geschichtswissenschaft an diese Texte anlegt. Aber dennoch: All diese Personen haben gelebt und gewirkt, zumindest darf ich mit gutem Gewissen sagen: So könnte es gewesen sein! Eine andere Erkenntnis war mir wichtiger: Die Lebensumstände haben sich gewandelt, die Menschen nur wenig. Tatkraft und Opferbereitschaft, Umkehr und Treue sind in unseren Tagen genau so wichtig wie vor vielen Jahrhunderten. Unsere Vorfahren haben noch immer etwas zu sagen, (Das Wort Vorfahren bitte ich, zumindest bei den Ordensleuten, nicht wörtlich zu nehmen!) Und noch ein Letztes: Aus diesen Briefen sprechen meine persönlichen Gedanken; ich überlasse es jedem Leser, ihnen zu folgen oder auch zu widersprechen. Vielleicht wachsen aus dem Widerspruch ja gerade neue Ideen. Ich denke, gerade darauf kommt es in unserer Zeit an: daß wir unsere Überzeugungen nicht wie Mumien im Museum konservieren, sondern daß wir in lebendigem Austausch miteinander dem Geist Gottes Raum geben. Diese kleine Schrift ist ein Zeichen des Dankes an alle, die sich für unsere Gemeinde einsetzen.
Oberpleis, im Herbst 1996 Pastor Willi Müller
An den Begründer des Oberpleiser Fronhofes
Edler Herr ! Diese Anrede verrät schon unsere ganze Verlegenheit: Vom Gründer unseres Heimatortes wissen wir weder Namen noch Herkunft, ja noch nicht einmal die Lebenszeit. Irgendwann um das Jahr 700 haben Sie mit der Errichtung Ihres Fronhofes den Grundstein für Oberpleis gelegt. Vieles möchten wir Sie fragen: Wie haben Sie von dem Land am Oberlauf des Pleisbaches erfahren? Woher kamen Sie? Aus Geistingen, wie manche vermuten? Wie haben Sie sich den Weg gebahnt? Über die alte Keltenstraße auf dem Riedel zwischen Hanfbach und Pleisbach? Und warum sind Sie in die Wildnis gegangen? Brauchten Sie neuen Lebensraum?
Auf jeden Fall haben Sie ein großes Werk geschaffen: Ihr Hof hat über viele Jahrhunderte das Land hier beherrscht! Könige und Fürsten kamen und gingen, der Oberpleiser Herrenhof hatte Bestand. Sicher hatten Sie viele Gefolgsleute, Leibeigene und Freie, die das Land urbar machten, die Hofgebäude errichteten und bald auch Nebenhöfe bauten. Noch heute berichten manche Ortsnamen von Rodungen und Feldern. Wir dürfen deshalb sicher annehmen, daß Sie kein kleines Bäuerlein waren, sondern ein hochmögender Herr.
Aber Ihr Stand allein hätte wohl nicht ausgereicht, dieses große Werk zu schaffen, Tatkraft und Ausdauer, umsichtige Planung und kluge Menschenführung haben sicher dazu beigetragen, daß Ihre Gründung nach so kurzer Zeit blühte. Und Sie haben gewiß auch gewußt, daß zu allem auch der Segen Gottes kommen mußte, so haben Sie wohl bald in Oberpleis eine erste Kirche errichtet. Darum überrascht es uns nicht sehr, daß nach einigen Jahrhunderten Mönche Ihr Werk in gleichem Gottvertrauen fortführten. Edler Herr, auch wenn wir Ihren Namen nicht kennen, dürfen wir Sie zu den Großen in der Geschichte von Oberpleis zählen!
Und nun stellen wir uns vor, daß Sie im Jahr 1996 noch einmal nach Oberpleis zurückkehrten. Ihren Fronhof würden Sie (wahrscheinlich) noch wieder finden; er hat all die Jahrhunderte überdauert, wenn er auch anstelle von Ochsen und Pferden heute gewaltige Landmaschinen beherbergt. Ihre Wiesen und Äcker haben jedoch Platz machen müssen für einen Omnibusbahnhof, für Banken und Supermärkte, für Straßen und Autobahn und demnächst auch für eine supermoderne Eisenbahn. Ob Sie Oberpleis schöner fänden?
Und die Menschen? Gewiß gibt es noch manche, die entschlossen ihr Leben gestalten und sich für ihre Mitmenschen einsetzen, aber allzu viele können nur noch fordern oder darauf warten, daß ihnen ihr Glück in den Schoß gelegt wird. Wir haben auch noch eine wunderschöne Kirche, leider ist sie für viele nur noch ein Baudenkmal. Doch gottlob gibt es auch noch Menschen, die den Glauben ihrer Vorfahren bewahrt haben, die, so wie Sie einst, wissen: “Wenn Gott das Haus nicht baut, bauen die Bauleute vergebens!” Und darum brauchen wir die Hoffnung nicht aufzugeben, daß das, was Sie einst begonnen haben, auch in der Zukunft bestehen wird.
An die Herren Gerbert und Othilfrid
Edle Herren! Euch verdanken wir die erste urkundliche Erwähnung von Oberpleis: Am 9. November 859 schenktet Ihr einen Hof “in Villa vel marca quae dicitur ad Pleysam superiorem” dem Cassius-Stift in Bonn für das Seelenheil des Grafen Rembald. Es handelt sich zweifellos um den Bönnschenhof in Wahlfeld, der fast tausend Jahre im Besitz des Bonner Stiftes blieb. Offensichtlich war dieser Hof Teil der Oberpleiser Grundherrschaft, also ein Nebenhof des Oberpleiser Herrenhofes. Dieser Hof besteht noch heute, wenn er auch nicht mehr bewirtschaftet werden kann.
Das Cassius-Stift war die älteste und LU Eurer Zeit auch die einzige kirchliche Institution in unserem Raum, also sozusagen die Statthalterei Gottes. Christlicher Glaube war zu Eurer Zeit noch stark von heidnischem Denken durchsetzt, Ihr wolltet wohl mit Gott einen Handel machen, das Seelenheil Eures Verwandten (war es gar Euer Vater?) erkaufen. Wir können Euch in dieser Denkweise nicht mehr ganz folgen, wir vertrauen eher auf die Barmherzigkeit Gottes und auf Jesus Christus, der uns alle mit seinem Blut erkauft hat. Aber dennoch bewundem wir Eure Großherzigkeit; Grundbesitz war und ist die Lebensgrundlage eines jeden, der vom Ertrag des Bodens leben muß; man muß ihn für sich und seine Nachkommen erhalten und nach Möglichkeit vermehren. Wir wissen heute, daß dieses Denken auch seine Gefahren in sich birgt: Nicht selten führte es zur gnadenlosen Ausbeutung der Besitzlosen Aber wir wollen jetzt mit Euch keine volkswirtschaftliche Debatte führen! Etwas anderes erscheint uns wichtiger: Wir nannten das Cassius-Stift eine “Statthalterei Gottes”. Solche Statthaltereien gibt es auch heute noch. Dabei denken wir nicht so sehr an Klöster und kirchliche Institutionen, sondern an die unzähligen Armen und Entrechteten dieser Erde, an die unschuldigen Opfer von Kriegen und Naturkatastrophen. Sie alle hat Christus seine Schwestern und Bruder genannt. Edle Herren, wir können Euch berichten, daß die Bereitschaft, mit ihnen zu teilen, in den letzten Jahrzehnten in ungewohntem Maße gewachsen ist auch in Oberpleis! Schon unsere Kinder setzen sich als Stemsinger für ihre Altersgenossen ein, die auf der Schattenseite des Lebens dahinvegetieren müssen. Jedes Jahr gehen von Oberpleis (und natürlich nicht nur von hier) große Summen in alle Welt, um Not zu wenden und neue Hoffnung zu schenken. Eure Großherzigkeit hat viele Nachahmer gefunden! Wir können auch berichten von vielen Menschen, die ihre Kraft und ihre Zeit einsetzen, um zu helfen, wo immer Hilfe nötig ist.
Ihr Herren, unsere Gedanken haben uns weit von Eurer Schenkung weggeführt. Schauen wir noch einmal zurück: Ihr seid vielleicht die ersten Oberpleiser, deren Namen uns überliefert sind. Mit diesen Namen verbindet sich für alle Zeit die Bereitschaft, Gott die Ehre zu geben und ihm zu dienen, und dafür haben wir Euch zu danken!
An Erzbischof Wichfrid von Köln (923/25 953)
Hochwürdigster Herr! Die Geschichtsschreibung weiß nicht viel von Ihnen zu berichten. Ihr Zeitgenosse Ruotger nennt Sie einen “treuen Dienet”, und ein Historiker unserer Tage urteilt, Sie seien “kein starker Mann” gewesen. Nun ja, für starke Männer können wir uns in unseren Tagen wenig begeistern, und von einem Bischof erwarten wir vor allem, daß er “Pontifex”, also Brückenbauer, Vermittler ist.
Für uns Oberpleiser aber sind Sie von ganz großer Bedeutung, denn Sie haben im Jahr 948 durch die Festlegung des Novalzehntbezirks für die Kirche der Heiligen Primus, Felicianus und Lupianus in Oberpleis die Grundlagen für mehr als tausend Jahre Gemeindeleben geschaffen Die Grenzen, die Sie einst festlegten, bestehen zum größten Teil auch heute noch als Pfarrgrenzen und zum Teil auch als Stadtgrenzen. Wahrscheinlich sind Sie damals selbst in Oberpleis gewesen, was auch nicht weiter verwunderlich ist, denn der Herr von Oberpleis war Ihr naher Verwandter in der Familie der Pfalzgrafen. (Der “kölsche Klüngel” ist also keine Erfindung der Neuzeit!) Auf jeden Fall hat Ihre Ordnung Bestand gehabt.
Ordnung: Unter uns leben manche, die dieses Wort nicht gerne hören, “Gesetz und Ordnung” ist in manchen Kreisen geradezu zum Schimpfwort geworden. Es ist sicher richtig: Starre Ordnungen ohne Menschenliebe können tödlich sein, aber ohne den Rahmen der Ordnung kann menschliche Freiheit sich nicht wirklich entfalten, zumindest nicht ohne die Lebensrechte der anderen zu gefährden oder gar auszulöschen. Gott sei es geklagt, wir haben in unseren Tagen genügend Beispiele dafür, wie die rucksichtslose Auflösung der Ordnungen Menschen ins Unglück treibt und Leben vernichtet. Nein, Ordnung und Freiheit sind keine Gegensätze, sie müssen Hand in Hand gehen, damit die Menschen Raum zum Leben haben!
Auf den ersten Seiten der Bibel wird erzählt, wie Gott die Welt geordnet hat. Unser Glaube sagt uns, daß alle Ordnung von Gott ausgeht, und damit haben wir auch den Maßstab, an dem alle menschlichen Ordnungen gemessen werden müssen. Nicht alle Regeln sind unveränderlich, denn Gott wirkt in der Geschichte der Menschheit, und so, wie die menschliche Gesellschaft sich verändert, muß auch der Wille Gottes immer wieder neu entdeckt und verwirklicht werden. Aber das bedeutet nicht Anpassung an den Zeitgeist und willkürliche Veränderung, sondern daß wir geduldig und in großer Demut Gottes Wege suchen.
Lieber Bischof Wichfrid, Sie haben einst unserer Gemeinde Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Wir vertrauen, daß Sie auch jetzt noch Ihre schützende Hand über Oberpleis halten. Bitten Sie den Herrn der Welt, daß er uns beisteht, das Erbe unserer Vorfahren in das neue Jahrtausend hinüberzutragen.
An Abt Etpho, Gründungsabt von Siegburg (1065(?) - 1076)
Hochwürdiger Vater! Als Erzbischof Anno II. das Kloster auf dem Siegberg gründete, der fortan Michaelsberg hieß, gehörte zu den Stiftungsgütern auch der Herrenhof in Oberpleis mitsamt seinen Nebenhöfen und seinen Rechten. Wenn Sie sich in diesen ersten, recht turbulenten Jahren nicht sonderlich um Oberpleis kümmern konnten, haben wir dafür volles Verständnis, denn es galt ja zuerst eine Klostergemeinschaft zu formen, die den Reformwünschen des Erzbischofs entsprach. Dennoch zählen wir Sie zu den bedeutenden Persönlichkeiten unserer Oberpleiser Geschichte, denn die Mönche, die unter Ihrem Nachfolger zu uns kamen, waren von Ihrem Geist geprägt.
In Siegburg sollten die alten Ideale des benediktinischen Mönchtums wieder voll zur Geltung kommen. Ihre Bruder hatten sich von der Welt abgewandt, um ganz für Gott und mit Gott zu leben, Mit einem heutigen Begriff könnte man sie als “Aussteiger” bezeichnen: Sie hatten die Sorgen und Händel dieser Welt hinter sich gelassen, sie wollten uneingeschränkt und unbehindert ihrem göttlichen Herrn dienen. Offenbar haben Sie das in einer sehr überzeugenden Weise geschafft, denn Ihre Gemeinschaft wuchs sehr schnell, und von den Weltleuten wurden Sie oft als “Engel” angesehen. Sicher haben Sie als Abt entscheidend dazu beigetragen, daß der Geist des Hl. Benedikt in vorbildlicher Weise die Siegburger Abtei bestimmte.
Auch wir empfinden den Abstand zwischen den klaren und eindeutigen Forderungen Christi und unserem Leben, in dem wir unentwegt kleine und manchmal auch große Kompromisse eingehen müssen. Aber man kann nicht die ganze christliche Welt in ein Kloster verwandeln; das war zu Ihrer Zeit nicht möglich und ist es heute noch viel weniger. Wir Weltmenschen müssen mit dem Wissen um unser eigenes Ungenügen leben. Um so mehr freuen wir uns, daß es auch heute noch Orte gibt, an denen der Dienst vor Gott an erster Stelle steht, - Ihre Abtei Siegburg gehört gottlob wieder dazu: Aber wir müssen auch alle darauf achten daß Glaubensfeier und Glaubensdienst für uns nicht zur Nebensache werden, abgedrängt in irgendeine Seitennische unserer Lebenswirklichkeit. Die Gefahr ist nur allzu deutlich in unserer Welt zu spüren.
Gottlob ist uns die eindrucksvolle Propsteikirche der Mönche erhalten geblieben, die uns mahnend die alte Regel Benedikts vor Augen hält: Nichts soll dem Gottesdienst vorgezogen werden! Hier ist der Geist Ihrer Brüdergemeinschaft und der Glaube unserer Vorfahren zu Stein geworden. Wir pflegen dieses Gotteshaus nicht nur als bewundernswertes Kulturerbe, sondern vor allem als Mahnmal, daß wir Gott in unserem Leben den Raum geben, der ihm zusteht. Unsere moderne Welt ist leider so geworden, daß wir Christen alle in gewisser Weise zu Aussteigern werden müssen, ZU Menschen, die nein sagen können, die sich nicht vereinnahmen lassen von den Dingen, die uns auf dem Weg Jesu Chrsti behindern.
Lieber Abt Erpho, einige Geschichtsschreiber vermuten, daß Sie in Köln eine einträgliche Pfründe aufgegeben haben, als Sie sich für das Klosterleben entschieden. Ihre radikale Umkehr wollen wir als Herausforderung verstehen. daß wir uns nicht von der “Welt” vereinnahmen lassen!
An Abt Reginhard, zweiter Siegburger Abt (1076-1105)
Hochwürdiger Vater! In Ihrer Amtszeit haben Sie die Abtei auf dem Michaelsberg zu beispielloser Blüte geführt. Uns Oberpleiser interessiert natürlich ganz besonders, daß Sie sehr wahrscheinlich die Propstei Oberpleis begründet haben.
Vermutlich haben sehr praktische Überlegungen den Anstoß gegeben: Es wurde immer schwieriger, die wachsende Zahl der Mönche auf dem Berg zu versorgen, andererseits war der Ihnen zugefallene Fronhof in Oberpleis durchaus in der Lage, einer kleinen Gruppe den Unterhall zu sichern. Aber Sie haben nicht einfach ein Tochterkloster gegründet: Die Oberpleiser Brüder und ihr Propst blieben Mitglieder der Klostergemeinschaft in Siegburg.
Uns scheint, daß Sie da eine sehr weise Entscheidung getroffen haben: Ein Mensch braucht beides, die Einbindung in einen kleinen, überschaubaren Kreis, aber auch die Zugehörigkeit zu einer großen, richtungweisenden Gemeinschaft. Ihre Nachfolger sind Ihnen mit der Gründung weiterer Propsteien auf diesem Weg gefolgt. Freilich dürfen wir auch die Kehrseite dieser Ordnung nicht verschweigen: Als - lange nach Ihrer Zeit - die Siegburger Blütezeit zu Ende ging, verloren auch die Propsteien ihre geistliche Kraft. Aber das ist wohl eine andere Geschichte.
Auf jeden Fall hat die Gründung der Propstei unserem Heimatort einen großen geistigen und geistlichen Gewinn gebracht. Nicht zuletzt verdanken wir Ihren Mönchen die wunderbare Propsteikirche, die auch heute noch viele Menschen begeistert.
Aber Ihre Ordnung gibt uns auch heute noch Stoff zum Nachdenken: Die kleine, überschaubare Gruppe und die große richtungweisende Gemeinschaft, sind das nicht zu allen Zeiten die Pole, um die christliches Leben wächst? Wird einer von ihnen vernachlässigt, dann entsteht aus dem anderen ein Zerrbild. Aus der geschwisterlichen Gemeinschaft wird ein Häuflein von Sektierern, die Großgruppe verfällt in menschenverachtende Ideologie. Nachfolge Christi heißt darum auch, die Spannung zwischen beiden Polen aushalten, so wie es uns Ihre Ordensbruder vorgelebt haben.
Die Zeit jener ersten begeisterten und begeisternder Klostergemeinschaft in Oberpleis ist lange vorbei. Zuletzt war die Propstei kaum mehr als ein Versorgungsinstitut für nachgeborene Adelssöhne; ihr Ende war notwendig und unvermeidbar. Aber manchmal ist es uns, als ob immer noch ein Hauch des Geistes jener frühen Mönche durch Oberpleis zieht, daß Mitmenschlichkeit und Treue bei uns noch spürbar sind. Wir erleben es nicht zuletzt, wenn wir in dem Gotteshaus zusammen sind, das Ihre Mönche einst errichteten. Dafür haben wir Ihnen, Vater Abt, zu danken.
An Abt Gerhard I. von Siegburg (1172-1185)
Hochwürdiger Vater! Auf den ersten Blick können wir keine besondere Beziehung zwischen Ihnen und der Propstei Oberpleis feststellen Aber in Ihre Amtszeit fällt ein Ereignis, das die Geschichte der Abtei und somit auch ihrer Propsteien nachhaltig verändern sollte: die Heiligsprechung Ihres Stifters, Erzbischof Anno, im Jahr 1183. Es setzten große Pilgerströme zum Grab des Heiligen in Ihrer Abtei ein, die Weltabgeschiedenheit des klösterlichen Lebens ging verloren: Die Hinwendung zur Welt, die Anteilnahme an den leiblichen und seelischen Nöten der Menschen war unvermeidlich. Es ist schon merkwürdig, daß gerade Anno, der die Weltflucht der ersten Siegburger Mönche so entschieden gefördert hatte, nun zum Anlaß einer neuen Weltoffenheit wurde.
Sie konnten damals nicht ahnen, daß diese neue Hinwendung zur Welt in späteren Zeiten zu einem erschreckenden Niedergang des klösterlichen Lebens führen sollte Ihnen und Ihren ersten Nachfolgern ist es gewiß noch gelungen, Gottesliebe und Weltoffenheit in einem guten Gleichgewicht zu halten; nicht von ungefähr hatten Sie nach Ihrem irdischen Tod den Ruf der Heiligkeit! Und dieser neue Geist entsprach ja auch sicher dem Willen Gottes: er hat die Welt erschaffen, “und sie war sehr gut (Gen. 1,31). In der Menschwerdung des Gottessohnes hat er sein Ja zur Schöpfung besiegelt, in Christus “erschien die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters” (Tit. 3,4). Es ist darum keineswegs die Schuld Ihrer Generation, wenn in den späteren Jahrhunderten die Ideale des Hl. Benedikt immer mehr mißachtet und die Verlockungen der Welt in Siegburg übermächtig wurden.
Die radikale Hinwendung zu Gott und die Offenheit für die Welt und für die Menschen in einer guten Weise miteinander zu verbinden, das ist auch heute noch die wichtigste Aufgabe der Kirche und jeder christlichen Gemeinschaft, Es ist auch die Aufgabe jedes einzelnen Christen. Und es ist eine Aufgabe, die Tag für Tag neu angegangen werden muß. Niemand besitzt den Stein der Weisen, der ihn für alle Zeiten aller Entscheidungen enthebt. Als Glaubende sind wir immer auf dem Weg und müssen an vielen Kreuzungspunkten wieder neu die Richtung bestimmen. Wer diese Herausforderung mißachtet, gerät nur allzu leicht in die Irre. “Gar manche Wege führen aus dieser Welt hinaus, oh, daß wir nicht verlieren den Weg zum Vaterhaus!”
Noch eines gibt es in diesem Zusammenhang zu bedenken: Sie, Vater Abt, waren Ihrer Klostergemeinschaft ein guter Führer auf diesem Weg. Aber es gab und gibt auch falsche Propheten, außerhalb und leider auch innerhalb der Kirche, die den Menschen vorgaukeln, daß sie sich von der Last der Verantwortung befreien können. Gerade in unseren Tagen haben sie, Gott sei es geklagt, großen Zulauf. Da muß mehr denn je das Wort des Apostels gelten: “Ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht” (Röm 8,151). Dieser Geist wird uns leiten. “Ich fürchte kein Unheil: Du bist bei mir!” (Ps 23.4)
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In der französischen Stadt Nancy gibt es ein Psaltenum, das mit einiger Sicherheit um 1180 in der Siegburger Abtei geschrieben wurde, und zwar als persönliches Andachtsbuch für eine Frau, wie die grammatischen Formen beweisen In einer beigefügten Litanei sind alle Heiligen genannt, die in einer Urkunde von 1212 als Oberpleiser Patrone genannt sind: Johannes Ev., Benignus, Pnmus, Felicianus, Pankratius, Anno, Benedikt, Walburga, Maria Magdalena. Da diese Namensliste für keinen anderen Ort nachweisbar ist, muß die Empfängerin in einer besonderen Beziehung zu Oberpleis gestanden haben.
Edle Dame! Können Sie unsere Überraschung verstehen, als wir auf Ihre Spur stießen ? Mitten in der von Männern bestimmten Welt des frühen Mittelalters fanden wir eine gebildete und gottesfürchtige Frau, die zu unserem Heimatort Oberpleis in enger Beziehung stand. Wie gern möchten wir mehr über Sie wissen: Wo lebten Sie? Auf dem Rittersitz Elsfeld? Oder gab es doch, wie ein heutiger Straßenname annehmen läßt, noch eine Burg in der Umgebung von Wahlfeld, eine Vorgängerin von Haus Niederbach, dem späteren Sitz derer von Hillesheim? Oder hat das Adelsgeschlecht, dem einst der Fronhof gehörte, auch unter der Herrschaft der Propstei noch weiter bestanden? Was hatte Ihre Bildung begründet? Eine besondere Beziehung zu den Mönchen der Propstei? Wie ist Ihr Leben verlaufen? Auf all diese Fragen werden wir keine Antwort finden.
Auch andere Fragen drängen sich auf: Wie war die Stellung der Frau in Ihrer Zeit? Waren sie alle nur billige Arbeitskräfte, oder konnten sich manche doch durch kluge Umsicht Ansehen und Einfluß verschaffen? War ihre Bedeutung vielleicht viel größer, als die wenigen Nachrichten aus Ihrer Zeit vermuten lassen? Müssen wir unser Bild der frühmittelalterlichen Gesellschaft revidieren?
Unsere Gedanken wandern hinüber in unsere Zeit: Wie können wir die von allen (?) angestrebte Gleichberechtigung der Frauen verwirklichen? Durch Gesetzesvorschriften, Frauenquoten, die es in Ihrer Welt sicher nicht gegeben hat, oder durch die längst fällige Anerkennung der Leistungen, die immer noch von Frauen erbracht werden? Wir haben den Eindruck, daß die Frauen in unserer Gemeinde den ihnen zustehenden Platz eingenommen haben. Ohne die qualifizierte Mitarbeit der Frauen würde unser Gemeindeleben zusammenbrechen, nicht nur das der Pfarrgemeinde, sondern auch das der weltlichen Gemeinden. Aber vielleicht ist das ja auch schon wieder ein typisch männliches Denken?
Auf jeden Fall ist es Zeit, über diese Fragen nachzudenken und miteinander zu sprechen, - auch mit den Frauen. Unsere Mädchen haben heute die gleichen Bildungschancen wie die Jungen, ganz im Gegensatz zu Ihrer Zeit. Aber wird nicht doch unterschwellig ein altes und überholtes Rollenverständnis weiter überliefert, das den Frauen überschwere Lasten aufbürdet?
Das sind viele Fragen, aber wenige Antworten. Vielleicht würden Sie, edle Dame, uns sagen: “Mißtraut den Leuten mit den schnellen Antworten! Und schaut auf den Wegweiser: Gott hat alle, Frauen und Männer, ins Leben gerufen, er liebt sie alle. Christus hat für alle sein Leben hingegeben, er ruft alle in das Reich des Vaters.”
An Propst Gerhard (1212 und 1218 in Oberpleis bezeugt)
Lieber Propst Gerhard! Es ist schon erstaunlich, daß mir Name In Oberpleis so ganz unbekannt ist, daß keine Gedenktafel, kein Straßenname an Sie erinnert, Dabei sind Sie der erste Oberpleiser, dessen Namen wir sicher kennen, und wohl auch einer der bedeutendsten Bürger unseres Ortes!
Sie leiteten die Propstei auf dem Höhepunkt ihrer Geschichte: Sie hatten eine grafenähnliche Stellung, waren Grund und Gerichtsherr, Vorsteher einer lebendigen Klostergemeinschaff und eigentlicher Pfarrer. Die Propstei war wirtschaftlich stark, sie war aber auch wissenschaftlich auf der Höhe ihrer Zeit; das beweist die Kosmos-Darstellung im Kirchenfußboden und ein bedeutendes theologisches Werk, das der Propstei gehörte und vermutlich auch hier in Oberpleis kopiert worden ist. Sie standen in Verbindung mit Ihrem berühmten Nachbarn Caesarius von Heisterbach, der Sie in seinem Werk erwähnt. (Vielleicht sind Sie auch der von Caesarius erwähnte Propst, der die benediktinische Tugend der Gastfreundschaft zu wenig übte und der deshalb vom Bischof durch häufige Besuche mit großem Gefolge heimgesucht wurde?)
Vor allem aber verdanken wir Ihnen sehr wahrscheinlich die heutige Gestalt unseres Gotteshauses: Aus der schlichten, wenn auch wohlgegliederten Mönchskirche wurde ein strahlender Thronsaal Gottes! Der neue Geist der Weltoffenheit in der Mutterabtei Siegburg spiegelt sich in Oberpleis eindrucksvoll wider. So ist Ihr Erbe bis auf den heutigen Tag lebendig, denn in dieser Kirche feiern wir immer noch unsere Gottesdienste.
Lieber Propst Gerhard, Sie lebten in einer anderen Zeit; wir sind kaum noch imstande, das Denken und Fühlen des hohen Mittelalters nachzuempfinden. Richterliche Gewalt, politische, wirtschaftliche und geistliche Macht in einer Hand vereint: Das ist nun wirklich das Letzte, was wir uns heute wünschen würden! Vielleicht hat man das in Ihren Tagen anders beurteilt, Aber mit dieser Macht war ja auch eine ebenso große Verantwortung verbunden. Kann ein einzelner Mensch einer solchen Verantwortung überhaupt gerecht werden?
Wir bemühen uns heute, andere Wege zu gehen: Die Teilung der Gewalten in Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung ist ein Prinzip des modernen Staatswesens, und dementsprechend verteilen wir auch die Verantwortung auf viele Schultern. Sicher, das ist meist langwierig und mühsam. Aber wir haben aus der Geschichte gelernt, in welche Abgründe absolute Monarchen und machtbesessene Diktatoren ihre Völker führen können. Und die geistliche Gewalt?
Gewiß herrschen hier andere Gesetzmäßigkeiten: Nicht Menschen sind Herren der Kirche, sondern allein Jesus Christus, der Sohn Gottes. Aber die Verantwortung, seinen Willen zu erkennen und zu befolgen, tragen wir alle gemeinsam! Das ist freilich eine Einsicht, die längst noch nicht in allen Köpfen Platz gefunden hat. Da müssen wir wohl alle noch lernen: die kirchlichen Oberen, die Theologen und ganz sicher auch das ganze Gottesvolk. “Verantwortung” kommt von “Antwort”: Antwort auf den Ruf Gottes, der durch Jesus Christus an uns alle ergangen ist. Und dazu ist uns der Heilige Geist gegeben, daß wir unterscheiden können zwischen den Antworten, die aus lebendigem Glauben erwachsen sind und unseren eigenen Wünschen und Vorstellungen. Die Kirche des dritten Jahrtausends muß eine Kirche des Heiligen Geistes werden! Und sie muß sich auch bewußt machen, daß Gott immer für eine Überraschung gut ist; das lehrt uns doch die Geschichte des Gottesvolkes ! Ja, wir müssen die Schützengräben unserer selbstgebauten Denk-Schemata verlassen und uns wieder, wie in den Zeiten der Apostel, vom Geist Gottes führen lassen!
Lieber Propst Gerhard, unsere Gedanken haben uns weit von der Oberpleiser Propstei am Anfang des 13. Jahrhunderts weggeführt. Jede Zeit hat ihre eigene Aufgabe; die Erinnerung an Sie und Ihre Brüder soll uns helfen, den Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden.
An Abt Wolfhard (Abt von Siegburg 1324 – 1350)
Hochwürdigster Herr Abt! Im Jahr 1329 richteten Sie ein Schreiben an den Propst und die Mönche von Oberpleis, dessen Inhalt uns erschrecken läßt: Niemand darf das Mönchsgewand ablegen. Aller Privatbesitz ist abzugeben. Die Mahlzeiten müssen gemeinsam im Refektorium eingenommen werden, alle Zimmer und Häuser sind aufzugeben. Keiner darf ohne Erlaubnis das Kloster verlassen und in die Städte, Dörfer und Höfe gehen, Das Chorgebet, Fasten und Schweigen werden eingeschärft. - Aus dieser Weisung kann man leicht auf die Klostenwirklichkeit in Oberpleis schließen.
Welch ein Niedergang! Aus Erzbischof Annos bewundernswerter Reformabtei war eine zerrüttete Klostergemeinschaft geworden! Viel gefruchtet haben Ihre Weisungen offenbar nicht: Der Zerfall der Propstei und auch der Abtei selber ging unaufhaltsam weiter. Wo der Geist verloren gegangen ist, helfen auch Gebote und Vorschriften nicht mehr.
Vielleicht muß das ja so sein: Ist es nicht geradezu ein Gesetz des Lebens, daß Altes vergehen muß, damit Neues wachsen kann? Natürlich ist Sterben immer bedruckend und schmerzhaft, auch das Sterben von Institutionen und Traditionen, Wir erleben das heute in noch weit größerem Umfang als Sie, hochwürdigster Abt, in Ihren Tagen. Aber als Sie sich noch verzweifelt gegen den Verfall Ihrer Klosterfamilie stemmten, da wuchsen schon neue geistliche Gemeinschaften, zum Beispiel die Franziskaner und Dominikaner, kraftvoll heran. Und als die Propstei endlich im Jahr 1803 den Todesstoß erhielt, da war in Oberpleis eine lebendige Pfarrgemeinde, die nicht nur die Propsteikirche übernahm, sondern auch den Glauben weitertrug, der einst den Siegburger Mönchen die Kraft gegeben hat. Und es wird Ihnen sicher auch ein Trost sein, daß heute auf dem Michaelsberg wieder Söhne des heiligen Benedikt das Lob Gottes singen.
Die Kirche ist das Werk des Heiligen Geiste, nicht Menschenwerk Es scheint, daß diese grundlegende Wahrheit in unseren Tagen in Vergessenheit gerät, Wäre es sonst möglich, daß ein groß angelegtes Pastoralgespräch in unserem Bistum auf mehr als hundert Seiten über die Kirche redet, ohne den Heiligen Geist auch nur ein einziges Mal zu nennen? Freilich ist die Kirche in dieser Welt schwachen und wohl auch sündigen Menschen anvertraut, aber ihre Wurzeln und ihre Lebenskraft hat sie allein in Gott! “Wo Gott das Haus nicht baut, bauen die Bauleute vergebens!” Gott hat mit uns in Christus einen neuen und ewigen Bund geschlossen, er wird auch vollenden, was er begonnen hat. Statt uns auf Menschenweisheit zu verlassen. sollten wir wieder lernen, uns der Führung des Heiligen Geistes anzuvertrauen.
Und: “Der Geist weht, wo er will.” Wo er will, nicht wo wir wollen! Wer das begriffen hat, wird die Heilung der Kirche nicht so sehr in Forderungen “von unten” noch in Dekreten “von oben” erwarten, er wird vielmehr Ausschau halten nach den Spuren des Gottesgeistes, die auch in unserer aufgeregten Welt ganz gewiß zu finden sind.
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